Crowdfunding gibt der Kultur ein neues Gesicht
- Veröffentlicht am 12.03.2015
Auch Kulturschaffende haben das Crowdfunding für sich entdeckt. Auf den Sammelplattformen hat die Mehrzahl der Projekte Erfolg. Manch einer ist von der Zahlungsbereitschaft der Fans selbst überrascht.
„Ende 2013 hatten wir die Idee, den Technikausbau im Amerika-Haus per Crowdfunding zu finanzieren", erinnert sich Stefanie Kinsky, bei der Stiftung für das Online-Marketing zuständig. Der Erfolg der Kampagne überraschte selbst die Optimisten unter den C/O-Berlin-Machern. Innerhalb weniger Wochen hatten kulturinteressierte Anhänger mehr als 122.000 Euro zugesagt, das angepeilte Ziel von 100.000 Euro wurde weit übertroffen.
Crowdfunding, also das Sammeln von Geld für die Realisierung eines Projektes unter potenziellen Interessenten über eine Internetplattform, war bis etwa 2011 fast nur für Start-up-Gründer interessant. In engem Kontakt mit künftigen Kunden und Geldgebern können sie ihr Projekt nicht nur vorfinanzieren, sondern auch auf Wünsche der künftigen Zielgruppe eingehen.
Ohne tragfähiges Geschäftsmodell
Kultur-Crowdfunding dagegen verkehrt viele Regeln der Finanzierung durch das Internetpublikum ins Gegenteil: Viele Kulturschaffende bekommen von ihren Anhängern Geld, obwohl sie eben kein tragfähiges Geschäftsmodell mitbringen. Stattdessen verfolgen sie nur eine Idee oder ein Projekt, an deren Ende gar kein konkretes, einzeln verkaufbares Produkt steht.
In Deutschland findet aktuell die Mehrzahl aller Kultur-Crowdfunding-Projekte genügend Unterstützer, um das Vorhaben zu finanzieren. Die führende deutsche Plattform für kulturelle oder soziale Ideen ist die Dresdner Firma Startnext. Die Plattform sammelte seit der Gründung Ende 2010 knapp 17 Millionen Euro von Unterstützern ein. Allein im vergangenen Jahr waren es acht Millionen für 950 erfolgreiche Projekte – etwa 60 Prozent aller Vorhaben auf der Plattform erreichten ihr vorher festgelegtes Finanzierungsziel.
Diejenigen, die ihr Kulturprojekt über Startnext finanzieren, wählen eine für den Kulturbetrieb ungewöhnliche Herangehensweise: „Das Besondere beim Crowdfunding ist, dass Kulturschaffende die Möglichkeit haben, ihre Idee in einer frühen Phase öffentlich vorzustellen und auf direktem Wege Unterstützer zu finden", sagt Denis Bartelt, Mitbegründer von Startnext.
„Neue Zielgruppe erreicht"
Das Gefühl, in der Gruppe und gemeinsam mit den Initiatoren ein Ziel zu erreichen, sei für viele überhaupt erst der Anreiz, für ein Projekt Geld zu geben, erklärt Anna Theil von Startnext: „Deswegen müssen die Projektinitiatoren auch ein fixes Budgetziel vorgeben." Verfehlt eine Idee innerhalb der vorgegebenen Frist die Zielsumme, fließt gar kein Geld. Die beteiligten Crowdfunder bekommen ihre Einlagen zurück.
Für viele Künstler ist Crowdfunding der erste Versuch, mit ihren Ideen tatsächlich Geld einzunehmen. „Der direkte Zugang erleichtert gerade jüngeren Kulturschaffenden die Finanzierung", weiß Theil.
Zahlungswillige Kulturfans
Startnext-Chef Bartelt wertet das wachsende Engagement auf der Plattform zudem als Zeichen dafür, dass mehr Zahlungsbereitschaft für Kultur da ist, als die Szene selbst annimmt: „In einer Zeit, in der wir immer weniger für Musik, Journalismus oder Filme bezahlen, geht es beim Crowdfunding darum, dass die Menschen genau dafür bezahlen wollen und neue Ideen Wirklichkeit werden können."
Von Kurzfilm- oder Fotobuchprojekten, die nur wenige Hundert Euro Finanzierung brauchen, bis zum Thüringer Independent-Musikfestival Auerworld, das im vergangenen Jahr 55.000 Euro einsammelte – überall engagieren sich zahlungswillige Kulturfans, die mit klassischer Spendenwerbung vermutlich unerreichbar gewesen wären, für gemeinsame Ziele.
Digitale Pinnwand
Eichhöfer sieht durch die Klage die Kunst der Straßenfotografie gefährdet. „Wer weiß, vielleicht sind Street-Art-Fotoausstellungen aufgrund eines Schmerzensgeldurteils künftig nicht mehr möglich", sagt er. Um das zu verhindern, will er den Fall notfalls bis zur letzten Instanz weiterverfolgen. Doch das Prozesskostenrisiko dafür liegt mit mehr als 13.000 Euro hoch.
Deswegen startete Eichhöfer eine Crowdfunding-Initiative zur Verteidigung der Straßenfotografie vor den deutschen Gerichten – und sammelte innerhalb weniger Tage von mehr als 500 Unterstützern mehr als 17.000 Euro ein. Von dem Erfolg ist er selbst überrascht.
Exklusiver Vorabzugang
Klassische Plattformen wie Startnext eignen sich vor allem dafür, ein einzelnes Projekt zu finanzieren. Künstler, die mit ihrer Arbeit ein regelmäßiges Einkommen erreichen wollen, mussten bislang eher auf Werbung etwa bei YouTube setzen. Das aber wollte der Podcaster Manuel Fritsch nicht. Er versendet jeden Morgen den Spiele-Podcast „Insert Moin" und suchte einen Weg, die aufwendige Produktion zu finanzieren.
Fritsch fand die US-Crowdfunding-Plattform Patreon. Die unterscheidet sich von Startnext darin, dass Fans eines Künstlers nicht einmalig eine Summe geben, sondern stattdessen eine Art Abonnement abschließen können: Die Patreon-Crowdfunder legen fest, dass sie etwa pro veröffentlichtem Video eines Künstlers eine bestimmte Summe geben – und dafür dann einen exklusiven Vorabzugang zu dem Werk bekommen.
Mit Patreon können Künstler, die regelmäßig neue digitale Werke publizieren, fest kalkulieren, welche Einnahmen sie pro Werk oder Monat generieren.
Fangemeinde wächst
„Den Leuten sind gute Inhalte etwas wert. Man braucht gar nicht so viele, wenn man die richtige Nische besetzt, erklärt Podcaster Fritsch. Er bekommt aktuell im Monat etwa 1600 Euro von seinen 316 Patreon-Abonnenten.
Das ist zwar noch immer eine verschwindend geringe Summe angesichts von etwa 50.000 Podcast-Hörern, die „Insert Moin" verfolgen. Doch Fritsch verzeichnet konstantes Wachstum. „Vielleicht erreichen wir irgendwann ein Level, das uns erlaubt, den Podcast hauptberuflich zu produzieren."
In den USA sind einzelne erfolgreiche Patreon-Künstler und Journalisten bereits so weit. Der Tech-Podcaster und Journalist Tom Merritt etwa hat mit seiner Sendung „Daily Tech News" nach mehr als 2000 Folgen mittlerweile eine Fangemeinde von 4829 Unterstützern, die ihm ein monatliches Einkommen von knapp 14.500 Dollar garantieren.
Das ist genug, um jeden Morgen eine aufwendige werbefreie Audioshow zu publizieren. Manuel Fritsch gibt das Hoffnung: „Wenn die Leute bereit sind, freiwillig für etwas zu bezahlen, das sie eigentlich auch umsonst im Netz bekommen könnten, beweist das, dass ihnen unsere Arbeit etwas wert ist."


Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen